Vielleicht wäre sie ohne ihn schon nicht mehr da! Nur Monate, bevor er in ihr Leben trat, wollte sich der damalige Eisschnelllauf-Star Claudia Pechstein (54) umbringen. Es ist das Frühjahr 2009 und die fünfmalige Olympiasiegerin droht im Doping-Sumpf zu versinken. „Auf der neuen A71 gibt es eine riesige Autobahnbrücke. Hier sind schon einige freiwillig heruntergesprungen. Überlebt hat es keiner von ihnen“, schreibt sie in ihrem Buch „Von Gold und Blut“. Eine Kopfwäsche von Manager Ralf Grengel (61), dem sie eine Abschieds-SMS schickte, rettet ihr das Leben.
Dann aber, im Dezember, steht sie plötzlich Matthias Große (58) gegenüber, der Beginn einer der ungewöhnlichsten, intensivsten oder auch meist diskutierten Beziehungen im deutschen Sport, privat wie beruflich. Der Unternehmer ist Berliner wie Pechstein, ein Mann wie ein Baum, wodurch sie Menschen schon eingeschüchtert fühlen, bevor sie ihn kennenlernen. Helfen will er ihr, weil er an die Unschuld des Sport-Stars glaubt, als es noch kaum jemand tut. Zwar gibt es keinen positiven Dopingtest, aber ein zu hoher Anteil von roten Blutkörperchen sehen die Antidoping-Instanzen inklusive des Internationalen Sportgerichtshofes Cas als Indiz für Blutdoping an – zwei Jahre Sperre lautet das Urteil.
Erst 16 Jahre später ist der langwierige Prozess mit Verurteilung, Klagen und Gegenklagen beendet, auch wenn Pechstein schon relativ früh beweisen kann, dass eine von ihrem Vater vererbte Blutanomalie der Grund für die Werte ist. Ein Vergleich mit einer Millionenzahlung an die Athletin ist nicht zuletzt Große und seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, mit der er sie und das Umfeld von Beginn an ansteckt. Aus dem angedachten Sprint wird jedoch ein Marathonlauf, den beide auf allen Ebenen des Lebens zusammen absolvieren – im Gerichtssaal, in der Eishalle, aber auch in Küche, Wohn- und Schlafzimmer.
Der „Weiße Kreml“ ist sein Zuhause
Große bietet ihr seine Hilfe an, moralisch, finanziell, als eine Art Bodyguard in allen Lebenslagen. Die fortan gemeinsame Burg im „Weißen Kreml“ von Köpenick, einer Mischung aus Weißem Haus in Washington und Kreml in Moskau im Berliner Ortsteil, verteidigt er mit allen Mitteln, geht zwischendurch auch des Öfteren mal zum Angriff über. Teils umstritten mit Anrufen bei Bundestagsabgeordneten oder Besuchen bei Institutionen, die durchaus als Drohung wahrgenommen werden. Jedermann ist klar: Mit dem ist nicht zu spaßen.
Mit ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt führt Große seit Jahren einen Privatkrieg – inklusive Hausverbot und Gerichtsprozessen.
Vor allem aber hat er einen langen Atem, den er seiner neuen Freundin spendet. Noch einmal: Unglaubliche 16 Jahre dauert der Fall Pechstein, ehe im März 2025 das Buch nach der Rehabilitierung und der Einigung mit dem Weltverband ISU geschlossen wird. „Ohne Matthias hätte ich den Kampf niemals durchgestanden“, betont Pechstein immer wieder. Als „Kampfdrohne“ bezeichnete ihn einst die Wochenzeitung „Die Zeit“. Weil er ständig um sie herumkreist. Und so sagt Pechstein auch: „Ihn kennengelernt zu haben, war das einzig Positive an der Sperre.“ Wohl noch nie hat sich ein Mann so beharrlich und intensiv um sie gekümmert wie er. Sie fühlt sich wohl, unterstützt, geschätzt, aber vor allem geborgen.
Disco, Immobilien, Currywurst
Große ist ein Kind der DDR, wie Pechstein. 1986 ging er zum Studium an die Militärpolitische Hochschule in Minsk, war Kraftsport-Meister in der UdSSR. Sein Motto damals: „Sport ist Klassenkampf.“ So bekam es auch Pechstein als DDR-Juniorin eingetrichtert. Die Wende bedeutete einen herben Einschnitt in sein vorgezeichnetes Leben, das im Alter von 37 Jahren 2004 als General seine Krönung hätte erfahren sollen. Doch es kam anders. Statt der Militärlaufbahn jobbte der gebürtige Lausitzer als Klo-Putzer, Türsteher und Disco-Chef, stieg ins Immobiliengeschäft ein und eröffnete mit Pechstein sogar eine Currywurst-Bude. Umtriebig nennt man das wohl.
Seine letzte NVA-Uniform hängt in seinem Büro neben einem großen Pechstein-Porträt und zwei gerahmten Absagen vom VfB Stuttgart und Schalke 04, wo er sich als Athletiktrainer bewarb. Große: „Ich habe in der Wendezeit erfahren, wie es ist, ohne Schuld alles zu verlieren. Daher habe ich mich bei Claudia gemeldet und ihr meine Hilfe angeboten. Einer West-Athletin wäre das nicht passiert, sie hätte mehr Unterstützung bekommen.“ In der Tat Gefühle, die verbinden.
DESG vor der Pleite gerettet
Und so gehen sie seit 17 Jahren gemeinsam durch dick und dünn. Dass er während der Zeit am Rande der 400 Meter langen Eisbahn auch noch Gefallen an diesem Sport und der darin möglichen Macht fand, war so nicht geplant. Doch als die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) vor allem finanziell ins Schlingern geriet, riss Große das Zepter an sich, wurde zum nicht unumstrittenen Präsidenten gewählt und verwandelte das dickte Minus von 515.000 Euro 2019 in ein Plus von 145.000 Euro 2024 um.
Dass Pechstein nach ihrem Karriereende mit dem Ende ihres Falls dem Verband erhalten bleibt, verwundert nicht. Erst als Bundesstützpunkt-Trainerin für den Nachwuchs in Inzell, nun seit 1. August als Allround-Bundestrainerin. Vetternwirtschaft mutmaßten einige Kritiker schon bei der ersten Anstellung in Inzell. Ein Liebespaar als Präsident und Bundestrainerin, darf es das geben? Es ist letztendlich nur die logische Fortsetzung der Beziehung, privat und beruflich. Große Namen aus der Sportart im entsprechenden Verband nach der Karriere zu integrieren, ist nicht ungewöhnlich. Die Konstellation im Eisschnelllauf ist es dagegen schon. Der Fortgang der Story kann der Stoff für ein neues Buch sein.