Kultur

Die Linke braucht manches, auch bessere Lieder

Die Linke braucht manches, auch bessere Lieder

Deutschland sucht die Antifa-Hymne. Unter den heißesten Kandidaten sind Danger Dan, früher Rapper bei Antilopen Gang, und der Star-Pianist Igor Levit. Ihr Beitrag „Keine Angst“, ein musikalisch veredeltes Antifa-Handbuch mit viel Straßenkampfromantik, sollte statt im alternativen Jugendzentrum zur besten Sendezeit bei „Die Anstalt“ im ZDF laufen. Dass das für Irritationen sorgen würde, war so erwartbar und kalkuliert wie bei Ikkimel im „Morgenmagazin“.

Der Rest lief wie am Schnürchen: Dem Sender wurde die Sache zu heiß, der Auftritt gestrichen. Die Künstler beschwerten sich und riefen nach Kunst- und Meinungsfreiheit, nur um kurz darauf ein Ausweichkonzert in Berlin zu spielen. Kurz: willkommene Werbung für das neue Album von Danger Dan.

Die Masche hat Tradition. Bereits mit „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“, damals bei Jan Böhmermann in der Sendung, entdeckten Danger Dan und Igor Levit die Koketterie mit dem Rechtsbruch als erfolgreiche Marketingstrategie. Man fantasiert von Militanz und Selbstjustiz, darin der AfD gar nicht unähnlich.

Musikalisch ist das damals wie heute aber kaum mehr als gepflegte Langeweile, nämlich linksbürgerliches Besinnlichkeitsgeklimper mit Militanzgesäusel in Franz-Josef-Degenhardt- oder Hannes-Wader-Gedächtnis-Versen. Als Clubhit ist „Keine Angst“ nicht zu gebrauchen, anders als der Klassiker „Bella Ciao“ oder „Raven gegen Deutschland“ von Egotronic.

Dass Danger Dan und Igor Levit mit 43 beziehungsweise 39 Jahren wie 14-jährige Antifa-Kids posieren, ist peinlich genug. Glauben sie ernsthaft, dass sowohl Partys gegen Nazis als auch das Stalken und Denunzieren von „Faschos“ unhinterfragbare Lehren aus der Geschichte sind? Denn die Geschichte beglaubigt ja gerade nicht den Erfolg des antifaschistischen Straßenkampfs, weder vor hundert oder dreißig Jahren noch heute. Als Strategie ist das, was als Antifa in den 1980er-Jahren bei den westdeutschen Autonomen aufkam, heute auf ganzer Linie gescheitert und politisch hirntot. Geht es hingegen nur um Notwehr gegen Stiefelnazis, braucht man das nicht noch zu besingen.

Das Ende der Antifa läutete bereits Gerhard Schröder mit seinem „Aufstand der Anständigen“ ein, der die Gegen-Rechts-Rhetorik nutzte, um von seiner Umverteilung nach oben abzulenken. Das Bündnis von Regierung und linker Straße hielt auch in der Corona-Krise, als selbsternannte „Drosten-Ultras“ mit „Wir impfen euch alle!“-Transparenten durch die Straßen zogen. Darüber hinaus sind nur ein paar Hammer-Hooligans geblieben, die viel Ärger mit Polizei und Justiz haben und dafür in „Keine Angst“ mit namentlichen Grüßen bedacht werden. Politisch am Ende, wird der Mythos Antifa kulturindustriell verwurstet.

Das nostalgische Mutmachliedchen „Keine Angst“ ist eigentlich ein Abgesang auf die Antifa. Keine Anleitung zum Selbstdenken, sondern ein lehrbuchartiger Baukasten, der eine Linke mit den Kostümen und Fehlern von vorgestern will. Hilfloser Antifaschismus, der seinen Mangel an Begriffen und Ideen durch Kraftmeierei kaschiert. Keine Angst sollte die Linke heute lieber davor haben, sich neu zu erfinden – mit besseren Liedern.

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