Ceuta – Die Bilder erinnern an die großen Migrationskrisen der vergangenen Jahre: Zehntausende Menschen drängen sich an Europas Außengrenze. Mindestens 67 Menschen sterben, im Mittelmeer oder im Gedränge. Es brennen Autos, Geschäfte werden geplündert, die Polizei ist machtlos.
Während die EU-Kommission von „inakzeptablen“ Szenen spricht und harte Rückführungen fordert, flammt die Debatte über die Migrationspolitik Spaniens auf. Kaum ein EU-Land sorgte damit zuletzt so häufig für Streit wie Spanien. BILD ist vor Ort in Ceuta und beantwortet die wichtigsten Fragen.
Droht jetzt eine Flüchtlingskrise?
Nach dem Ansturm sind die meisten der circa 50.000 illegal eingereisten Migranten laut Medienberichten nach Marokko zurückgekehrt – dies lässt sich bisher jedoch nicht dokumentieren. Den BILD-Reportern vor Ort bietet sich ein anderes Bild. Die Situation in Ceuta bleibt chaotisch. Junge Männer ziehen durch die Stadt und verbreiten Angst und Chaos. Lokalpolitiker fordern Madrid zur Unterstützung auf. Außenminister Johann Wadephul (63, CDU) hat am Freitag nach BILD-Informationen mit seinem marokkanischen Kollegen Nasser Bourita (57) telefoniert und auf eine Beruhigung der Situation gedrängt. Wadephul zu BILD: „Die Lage in Ceuta war ein absoluter Stresstest, den wir bestanden haben.“
Zugleich rief er die EU-Kommission dazu auf, dem Schutz der Außengrenzen absolute Priorität einzuräumen. „Um illegale Migration zu kontrollieren, brauchen wir Partner außerhalb Europas, wie in diesem Fall Marokko.“ Eine große Krise scheint also abgewendet, die Situation bleibt aber kritisch.
War alles von Marokko geplant?
Die Grenze zu Ceuta gilt für Spanien als schwer zu sichern. Heißt: Wenn Marokko die Migranten nicht aufhält, kommen sie leicht auf spanischen Boden. Die marokkanischen Grenzpolizisten sollen sich kurz vor der Invasion zurückgezogen haben. Erst am Freitagabend griffen sie mit Tränengas und Wasserwerfern ein. Dass Marokko den Ansturm mit Absicht ausgelöst hat, ist zwar nicht belegbar – der Verdacht liegt jedoch nahe. Schon 2021 hatte das Maghreb-Land die Grenzöffnung als Druckmittel gegenüber Spanien genutzt. König Mohammed VI. spielt eine zentrale Rolle.
Kommen die Migranten jetzt zu uns?
Ceuta ist zwar Teil Spaniens und damit EU-Gebiet, doch wer in Ceuta ankommt, kann nicht automatisch auf das spanische Festland oder in andere Schengen-Staaten. BILD sprach mit Ayoub, der mehrere hundert Meter an der Küste entlang geschwommen war, um nach Ceuta zu kommen. Die Weiterreise bleibt verwehrt – für ihn kein Grund, zurückzukehren. „Schon vor drei Jahren gelang es mir, nach Deutschland zu kommen. Dort stellte ich einen Asylantrag und wurde in Leverkusen-Opladen untergebracht. Der Antrag wurde abgelehnt, dann wurde ich abgeschoben.“ Ayoub kann seine Angaben nicht mit Dokumenten belegen.
Warum kamen die Migranten jetzt nach Ceuta?
Ayoub sagt: „Vergangene Woche hatte sich in Marokko die Nachricht über ein spanisches Gerichtsurteil wie ein Lauffeuer verbreitet. Es hieß, dass, wer schwimmend in Spanien ankommt, nicht ohne Prüfung zurückgeschickt wird. Für mich und all die anderen war das ein Signal, sich schnell mit Schwimmreifen in Supermärkten einzudecken und nach Ceuta aufzubrechen.“
Darf Spanien die Migranten zurückschicken?
Das Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs hat kürzlich auch in Europa für Aufsehen gesorgt: Migranten, die auf dem Seeweg spanisches Hoheitsgebiet erreichen, dürfen nicht einfach per „sofortiger Zurückweisung“ nach Marokko gebracht werden, sondern müssen zunächst eine Prüfung erhalten (etwa Asylgründe, Minderjährigkeit). „Schwimmende“ Migranten haben damit einen Freibrief für eine illegale Einreise. Kurios: Die Linke in Berlin forderte trotzdem ihre Aufnahme.
Warum ist Marokko immer noch kein sicheres Herkunftsland?
Dafür muss gewährleistet sein, dass dort keine politische Verfolgung droht. Marokko ist bei uns bislang kein sicherer Herkunftsstaat, weil es Menschenrechtsbedenken gibt. Kritiker argumentieren, dass Marokko ein stabiles Land sei.
Werden Migranten verteilt, wenn ein Aufnahmeland überlastet ist?
Seit dem 12. Juni 2026 gelten die neuen Regeln des EU-Asylsystems (GEAS). Wenn ein EU-Staat wegen hoher Ankunftszahlen überlastet ist, müssen andere Mitgliedstaaten unterstützen – je nach Bevölkerungsgröße und Wirtschaftskraft.