Wiesbaden (Hessen) – Vor wenigen Monaten begann Katharinas Tag noch im Büro. Heute beginnt er am Pflegebett ihrer Oma Erika. Sie wäscht die 96-Jährige, wechselt ihre Windeln und püriert ihr jede Mahlzeit, weil sie keine Zähne mehr hat. Nachts ruft Erika nach ihr. Dann ist Katharina sofort da. Seit Monaten pflegt die 29-Jährige ihre Oma rund um die Uhr.
Die gelernte Bankkauffrau hatte sich in Zürich ein Leben aufgebaut. Erst arbeitete sie in einer Schweizer Bank, später bei einem Reiseunternehmen. Doch im vergangenen September änderte sich alles. Ihr Vater (71) musste mit seiner Herzerkrankung ins Krankenhaus und überlebte nur knapp: „Er hatte sich bisher um Oma gekümmert, mit ihr zusammengelebt. Das konnte er nun nicht mehr.“
Umzug von der Schweiz zurück nach Deutschland
Für Katharina stand die Entscheidung schnell fest. „Ich habe meinen Job aufgegeben und bin komplett zurück nach Wiesbaden in Hessen gezogen.“ Zunächst brachte sie ihre Oma in einem Pflegeheim unter. Doch schon nach kurzer Zeit quälte sie ein Gedanke: „Ich fühlte mich, als hätte ich sie zum Sterben abgegeben. Ich habe nur geweint.“
Bei ihren Besuchen hatte Katharina das Gefühl, ihre Oma zu verlieren. „Die wenige Selbstständigkeit, die sie noch hatte, war sofort weg.“ Nach nur drei Wochen holte sie Erika wieder nach Hause.
Sie lernte Pflege von heute auf morgen
Seitdem kümmert sie sich rund um die Uhr – und ist damit eine von rund 7,1 Millionen Menschen in Deutschland, die einen Angehörigen pflegen. Die 29-Jährige musste Berührungsängste überwinden: „Man wird über Nacht ins kalte Wasser geworfen. Windeln bei einem Erwachsenen zu wechseln, ist nicht ohne. Mit dem Geruch von alten Leuten zu leben, ist nicht einfach. Plötzlich wird jeder Stuhlgang zum Erfolgserlebnis.“
Die Pflege zerrt an ihren Kräften. „Ich stehe nachts mehrfach auf. Ich komme körperlich und seelisch an meine Grenzen und habe häufig Angst, dass ich ihr wehtue. Sie ist so gebrechlich“, so Katharina. Dazu kommen Anträge und Formulare. Bereut hat Katharina ihre Entscheidung nie: „Ich habe lieber schwierige Tage mit Oma, als im Büro zu sitzen und mir Sorgen zu machen. Vielleicht kann ich ein Vorbild für Menschen meiner Generation sein.“
Kindheit gibt Katharina heute Kraft
Früher hielt Erika ihre Enkelin an der Hand. Heute hält Katharina ihre Oma fest. Die 96-Jährige verlor ihren Mann früh. Als Kind verbrachte Katharina fast jedes Wochenende bei ihr. „Ich durfte dann Zitronenkuchen zum Frühstück essen und ihren Schmuck anprobieren. Sie hat ihre Schlagersendungen geschaut und ich bin zu der Musik durchs Wohnzimmer getanzt. Wir hatten richtig viel Spaß.“
Auch heute gibt es Momente, die beide lachen lassen. „Plötzlich fragt sie mich, ob ich einmal zum Briefkasten gehen könne. Vielleicht sei ja ein Liebesbrief für sie angekommen.“ Viele dieser Momente teilt Katharina auf Instagram (@omaerikaundich) mit ihren 17.000 Followern.
„Zeit ist wertvoller als Geld“
Heute leben sie von Erikas Rente und 800 Euro Pflegegeld (Pflegegrad 4). Den Pflegedienst bestellte Katharina wieder ab. Die Enkelin: „Wenn Oma um 6 Uhr mit voller Windel aufwacht, warte ich nicht, bis jemand drei Stunden später kommt. Dann mache ich das selbst.“ Nicht jeder versteht ihren Weg: „Viele sagen, ich müsse an mich denken und sollte Oma ins Heim geben. Aber da höre ich nicht drauf. Wenn irgendwann die Kräfte nicht mehr da sind, finde ich eine 24-Stunden-Pflegekraft, die bei uns einzieht.“
Was ihr die vergangenen Monate geschenkt haben, beschreibt Katharina so: „Ich habe gelernt, dass Zeit wertvoller als Geld ist. Die Zeit mit meiner Oma ist begrenzt. Und genau das macht sie unbezahlbar.“ Was sie machen will, wenn Erika irgendwann nicht mehr da ist, weiß Katharina noch nicht: „Auf jeden Fall geht es nicht zurück in mein altes Leben.“