Die Deutschen misstrauen den großen amerikanischen Techkonzernen. Nach einer exklusiven YouGov-Umfrage für WELT AM SONNTAG sind zwei Drittel der Bundesbürger der Auffassung, dass Unternehmen wie Amazon, Google, Meta, Apple, SpaceX oder OpenAI inzwischen zu viel Einfluss in Deutschland besitzen. 66 Prozent der Befragten vertreten diese Ansicht, lediglich 18 Prozent widersprechen. 17 Prozent äußern sich unentschlossen.
Besonders ausgeprägt ist die Kritik unter Anhängern der Grünen. Unter ihren Wählern sagen 85 Prozent, die US-Technologiekonzerne hätten inzwischen zu viel Einfluss. Unter den Unterstützern der Linkspartei sind es 77 Prozent. Auch bei SPD- und Unionswählern ist die Skepsis mit 74 und 72 Prozent deutlich überdurchschnittlich.
Zurückhaltender äußern sich AfD-Anhänger: In dieser Gruppe stimmt weniger als die Hälfte (47 Prozent) der Aussage zu, während 34 Prozent den Einfluss der US-Tech-Unternehmen nicht für übermäßig halten. Bei der FDP hält eine knappe Mehrheit (52 Prozent) den Einfluss für zu groß, 34 Prozent sehen kein Problem. Für die Erhebung befragte das Meinungsforschungsinstitut zwischen dem 10. und 13. Juli 2026 insgesamt 2411 Personen. Die Ergebnisse sind repräsentativ für die in Deutschland lebende Wohnbevölkerung.
55 Prozent sehen Gefahr für Datenschutz und Privatsphäre
Die Sorge vor der Macht der Konzerne zieht sich durch nahezu alle Bevölkerungsgruppen. Ältere Menschen zeigen sich dabei besonders kritisch. Während unter den 18- bis 29-Jährigen 60 Prozent von einem zu großen Einfluss sprechen, steigt dieser Wert bei den über 60-Jährigen auf mehr als 70 Prozent. Auch mit dem Bildungsgrad wächst die Skepsis: Unter Befragten mit hohem Bildungsstand sehen 73 Prozent zu viel Macht bei den Tech-Riesen, in der Gruppe mit niedrigem Bildungsniveau 58 Prozent.
Gefragt nach den Gründen für ihre Einschätzung wird vor allem die Sorge vor einer wachsenden Abhängigkeit Deutschlands von den Vereinigten Staaten genannt. 63 Prozent derjenigen, die den Einfluss der Unternehmen kritisch sehen, führen dies als Argument an. Fast ebenso viele, 59 Prozent, werfen den Technologiekonzernen vor, monopolartige Strukturen aufgebaut zu haben. 55 Prozent befürchten zudem Gefahren für Datenschutz und Privatsphäre.
Eine weitere zentrale Sorge betrifft den Einfluss digitaler Plattformen auf die öffentliche Debatte. Mehr als jeder Zweite (53 Prozent) der Kritiker ist der Ansicht, dass die Unternehmen durch den Einsatz von Algorithmen die öffentliche Meinungsbildung beeinflussen. Drei von zehn Befragten sehen darüber hinaus die Gefahr, dass die Konzerne politische Entscheidungen oder Gesetzgebungsprozesse in Deutschland beeinflussen könnten.
Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz löst ebenfalls Vorbehalte aus, steht aber nicht im Mittelpunkt der Kritik. Ein Viertel der Befragten, die den Einfluss der Konzerne für zu groß halten, befürchtet Nachteile für Beschäftigte und den Verlust von Arbeitsplätzen durch KI-Anwendungen. 22 Prozent sehen die Gefahr wachsender sozialer Ungleichheit.
Die Grünen fordern als Reaktion auf den hohen Einfluss eine stärkere Unterstützung der Aufsichtsbehörden bei der Umsetzung der entsprechenden EU-Gesetze, die Entwicklung von Alternativen zu den US-Firmen und die Schaffung eigener Cloud-Lösungen. „Auch die Einführung einer Digitalsteuer für die großen Techfirmen, die bis heute noch immer kaum Steuern zahlen, gehört dazu“, sagte Fraktionsvize Konstantin von Notz.
Aus der Parteizentrale der SPD kamen ähnliche Forderungen. Es sei nicht zu akzeptieren, dass die großen Digitalkonzerne mit ihrer strukturellen Macht auf Märkte, Medien und die demokratische Öffentlichkeit einwirkten.
Auch die Linkspartei verlangt eine selbstbewusste Haltung Europas gegenüber den amerikanischen Tech-Konzernen. „Wir brauchen eine wirksame Digitalsteuer und klare Regeln, die konsequent durchgesetzt werden“, sagte Bundesgeschäftsführer Janis Ehling. Der Co-Parteivorsitzende des BSW, Fabio De Masi, sprach sich mit Blick auf das lukrative Daten-Geschäft für eine schärfere Besteuerung aus.
Die stellvertretende FDP-Vorsitzende Svenja Hahn sieht den Grund für die hohe US-Abhängigkeit dagegen in der Überregulierung und Bürokratisierung. „Viel zu oft werden Risiken überbetont, sodass Innovationen im Tech-Bereich von vornherein verhindert werden“, sagte sie. Union und AfD äußerten sich auf Anfrage nicht.
Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.
Karsten Seibel ist Wirtschaftsredakteur in Berlin. Er berichtet unter anderem über Haushalts- und Steuerpolitik.