Berlin – Er war einer der Architekten von Habecks Energiepolitik: Jetzt verwundert ausgerechnet Ex-Wirtschaftsstaatssekretär Patrick Graichen (54, Grüne) mit Aussagen zur Atomkraft! Bei einer Konferenz der konservativ-liberalen Denkfabrik R21 in Berlin räumte Graichen ein, dass die 2023 abgeschalteten deutschen Kernkraftwerke bei einem Weiterbetrieb „noch mehr Strom zu relativ günstigen Grenzkosten“ geliefert hätten. War der Atomausstieg also ein Fehler?
Graichen war unter dem damaligen Wirtschaftsminister Robert Habeck (57, Grüne) in einer wichtigen Funktion, als im April 2023 die letzten drei deutschen Atomkraftwerke vom Netz gingen. Beschlossen wurde der Ausstieg grundsätzlich allerdings bereits unter Altkanzlerin Angela Merkel (72, CDU) 2011. Auf die Frage von „FAZ“-Wirtschaftskorrespondent Christian Geinitz, ob der Ausstieg ein Fehler gewesen sei, antwortete Graichen zunächst lachend: „Alle wollen jetzt von Graichen das Ja hören. – Nein, das werde ich Ihnen jetzt nicht geben.“
Dann folgte allerdings das bemerkenswerte Eingeständnis. „Natürlich hätten wir, wenn wir 2023 die Dinger weiter hätten laufen lassen, noch mehr Strom zu relativ günstigen Grenzkosten gehabt“, sagte Graichen. Seine grundsätzliche Ablehnung der Kernkraft ändere das nicht: Das Risiko eines schweren Atomunfalls sei ihm weiterhin zu hoch. Der Ukraine-Krieg habe ihn in dieser Einschätzung sogar bestärkt. Dazu muss man wissen: Aktuell ist Graichen für den staatlichen ukrainischen Stromnetzbetreiber Ukrenergo tätig.
Wie wahrscheinlich ist ein GAU?
Deutlichen Widerspruch bekam Graichen von der Technikhistorikerin und Pro-AKW-Aktivistin Anna Veronika Wendland (60). Sie warf den Grünen vor, 2022 einen historischen Moment verpasst zu haben. Die Partei hätte angesichts von Krieg und Energiekrise ihre „Anti-Atom-Identitätspolitik“ aufgeben können. Dazu muss man wissen: Die Grünen gingen einst aus der Anti-Atomkraft-Bewegung der 1970er Jahre hervor. Wendland plädierte dafür, stillgelegte Anlagen zu reaktivieren. Und: sogar neue Kernkraftwerke in Deutschland zu errichten!
Doch wie groß wäre das Risiko des von Graichen gefürchteten schweren Atomunfalls? Hamburgs Ex-Umweltsenator Fritz Vahrenholt (77, SPD) recherchierte dazu für sein Buch „Zeit für Kernkraft“. Dort heißt es: „Die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen Unfall mit Austritt von Radioaktivität ist für alle praktischen Anwendungen hinreichend nahe bei null, selbst im Falle von Flugzeugabstürzen und terroristischen Angriffen.“ Auf BILD-Anfrage wirft er Graichen, Habeck und Merkel vor, durch ihre Politik Energie unnötig verteuert zu haben: „Letztlich wäre der Strom unseren Berechnungen zufolge ein Drittel günstiger als er heute ist.“