Wirtschaft

Im Zweifel gegen Deutschland – Warum „America First“ seinen Schrecken nicht verliert

Im Zweifel gegen Deutschland – Warum „America First“ seinen Schrecken nicht verliert

Entlang der Georgia State Route 96 stehen Pfirsichbäume in langen, schnurgeraden Reihen, dazwischen Felder und vereinzelte Waldstücke. Das Land im Südosten der USA ist flach und weit, wie geschaffen für eine große Fabrik.

Wenige Kilometer östlich von Fort Valley, der selbst ernannten „Peach Capital of Georgia“, also der „Pfirsich-Hauptstadt“ des Bundesstaats, will der deutsche Autobauer Audi ein solches Werk errichten: für vier Milliarden Dollar, mit 4500 Mitarbeitern, die 200.000 SUVs im Jahr bauen. Aus dem Pfirsichstädtchen soll eine Autostadt werden.

Die Logik dahinter ist simpel: Wer künftig für den Markt vor Ort produziert, umgeht Trumps Zollaufschläge, die beim Export in die USA anfallen. Als in Ingolstadt die Pläne geschmiedet wurden, schien Georgia politisch eine sichere Bank zu sein. Seit Jahren zieht es deutsche Unternehmen bevorzugt in den konservativ geprägten Süden der USA. Laxe Umweltauflagen, attraktive Förderpakete und schwache Gewerkschaften machen ihn attraktiv.

Waren Audis Mühen in den USA umsonst?

Nun aber wurde auch Georgia von der Welle erfasst, die republikanische Regierungen im ganzen Land mit sich riss. Bei den Zwischenwahlen eroberten die Demokraten beide Kammern des Kongresses. Waren all die Mühen umsonst, die etwa Audi für das Werk in den USA unternahm? Haben sich Firmen verkalkuliert, die sich gegen Zollschranken wappnen und deshalb Fabriken direkt in den USA ansiedeln wollen? Die Antwort auf diese Frage lautet sehr wahrscheinlich: Nein.

Denn die neue Handels-Weltordnung wird auch mit einem demokratischen Kongress bestehen bleiben – und wahrscheinlich auch nach Trumps Auszug aus dem Weißen Haus 2028. Auch die Demokraten werden die heimische Wirtschaft schützen und die Zölle nicht vollständig abschaffen.

Kaum noch jemand hofft auf eine Rückkehr zum alten Exportmodell in der Nach-Trump-Zeit. Die deutsche Industrie investiert deshalb langfristig. Im Zuge der „Made in the USA“-Strategie steckt sie Milliarden in Werke in Alabama, South Carolina, Georgia und Ohio, entwickelt Modelle eigens für amerikanische Kunden und ordnet ihre Lieferketten neu.

Bis 2028 werde sich am Status quo nichts ändern, glaubt auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Trump sei zwar „mit seiner Wirtschaftspolitik gescheitert – und hat dafür von der US-Bevölkerung die Quittung bekommen“, erklärt er. Grund zur Erleichterung sei das aber nicht, denn auf die Zollpolitik und den Iran-Krieg habe die Wahl kaum Einfluss.

Die Zölle verhänge Trump „nicht per Gesetz, sondern per Dekret am Kongress vorbei“. Auch im Iran-Krieg handle er als Oberbefehlshaber ohne die Abgeordneten. Besserung sei deshalb „mindestens bis zur Präsidentschaftswahl in zwei Jahren“ nicht in Sicht.

Selbst dann rechnen Ökonomen mit keiner historischen Wende. „Für Europa und Nordamerika würde man bei einer neuen, demokratisch geführten Regierung vermutlich eine sofortige Senkung der Zölle sehen“, sagt Bernard Yaros, Ökonom bei Oxford Economics, WELT AM SONNTAG. „Sie wäre aber nicht umfassend, und es gäbe wohl keinen Kandidaten, der gleich am ersten Tag damit beginnt, jeden einzelnen der Zölle abzuschaffen.“

Inzwischen bringen Zölle mehr als fünf Prozent der US-Bundeseinnahmen ein, 2024 waren es kaum mehr als ein Prozent. Das mache es einer künftigen Regierung schwer, sie abzuschaffen, meint Yaros. Auch schon zwischen den beiden Amtszeiten von Donald Trump hatte der Demokrat Joe Biden sich nicht von Trumps protektionistischer Wende verabschiedet. Eine Rückkehr zum Freihandel, der in den USA zu massiven Jobverlusten geführt hat, dürfte kein US-Präsident mehr wagen.

Dass Trumps Zollregime angesichts von neuen Mehrheiten kurzfristig kaum zu verändern ist, zeigte sich bereits im Februar. Als der Oberste Gerichtshof die auf ein Notstandsgesetz gestützten Zölle kippte, wich Trump binnen Stunden auf andere Paragrafen des Handelsrechts aus. Die Firmen, so scheint es, haben sich mit dem Protektionismus aus Washington arrangiert.

„Sie sind in einem Markt, von dem sie wissen, dass er gerade ziemlich erratisch regiert wird. Aber sie sagen, ich gehe damit um, ich bleibe da“, sagt Helena Melnikov, Hauptgeschäftsführerin der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). „Der Kongress wechselt die Farbe, die Zuständigkeit bei der Handelspolitik bleibt im Weißen Haus.“

Geschäftsrisiko USA

Wie groß der Spagat ist, zeigt eine Umfrage der DIHK: 51 Prozent der deutschen Firmen in den USA sehen in der Wirtschaftspolitik ein wesentliches Geschäftsrisiko, 2023 waren es noch 34 Prozent. Zugleich erwarten 39 Prozent eine bessere Konjunktur, und 41 Prozent wollen ihre Investitionen in den USA ausweiten. So zuversichtlich waren sie seit Trumps Amtsantritt nicht.

Auch der Export hat sich erholt. Nach dem „Liberation Day“ im April 2025 sanken die Ausfuhren in die USA im Mai auf 12,1 Milliarden Euro. Im Juli 2026 waren es wieder 14,4 Milliarden, gut 28 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. „Es hat circa ein Jahr gedauert, bis April dieses Jahres, bis man sich wieder herausgekämpft hatte“, sagt Melnikov.

Besonders heikel ist die Lage der Autobauer, bei ihnen schlagen die Zölle voll durch. BMW etwa kosten die Aufschläge im abgelaufenen Quartal rund 1,25 Prozentpunkte seiner Gewinnspanne im Autogeschäft. Doch das hat Konzernchef Milan Nedeljkovic längst eingepreist. Und selbst wenn ein Demokrat ins Weiße Haus einzieht, würden die Hersteller ihren Kurs kaum ändern.

VW-Chef Oliver Blume räumte im März ein, das jahrzehntelang erfolgreiche Geschäftsmodell funktioniere „heute so nicht mehr“. Statt in Deutschland zu bauen und in alle Welt zu verschiffen, produzieren die Konzerne zunehmend dort, wo sie verkaufen.

Volkswagen setzt in Chattanooga im US-Bundesstaat Tennessee etwa auf das große Verbrenner-Modell Atlas. Mercedes, das die Zölle 2025 rund eine Milliarde Euro Gewinn kosteten, investiert bis 2030 vier Milliarden Dollar in sein Werk in Alabama. Dort soll künftig auch das Modell GLC vom Band laufen, das bislang aus Bremen kommt. Geplant ist der Start für 2030, lange nach Trumps Amtszeit.

Wie riskant es dabei ist, sich politisch zu exponieren, erfährt gerade Audi. Ende Oktober stand Konzernchef Gernot Döllner in Georgia auf einer Wahlkampfbühne, als Trump dort Pläne für Audis erstes US-Werk verkündete, vier Milliarden Dollar schwer. Wenige Tage später verlor Trumps Kandidat die Gouverneurswahl gegen die Demokratin Keisha Lance Bottoms. Die Fördergelder des Bundesstaats dürften bleiben. Die von Döllner erhofften Zollerleichterungen aber sind ungewisser geworden.

Für die Pharmaindustrie sind die USA der wichtigste Markt, denn anders als in Europa gibt es dort keine staatliche Preiskontrolle. Marken-Medikamente kosten laut der Rand Corporation selbst nach Rabatten mehr als dreimal so viel wie im globalen Schnitt der Industrieländer. Seit April gilt auf patentgeschützte Arzneimittel jedoch ein Zoll von bis zu 100 Prozent, für Importe aus der EU gedeckelt bei 15 Prozent. Hat man eine Sondervereinbarung mit Washington, zahlt man weniger. Wer genau einen solchen Deal hat, darüber schweigt die Branche.

Fest steht: Fast alle großen Konzerne haben ihre US-Investitionen aufgestockt, nicht zuletzt, um den Präsidenten milde zu stimmen. Boehringer Ingelheim kündigte im Dezember zehn Milliarden Dollar bis 2028 an und wurde im Gegenzug von möglichen Pharmazöllen ausgenommen.

Bayer gab Anfang Oktober bekannt, 2,2 Milliarden Dollar in einen Standort in New Albany im Bundesstaat Ohio zu investieren. Dass dies nicht auf einer Trump-Wahlkampfbühne geschah, dürfte man in Leverkusen nun kaum bedauern. Für Deutschland hat die Verlagerung ihren Preis: Boehringer hat 900 Millionen Euro, die bis 2030 in deutsche Standorte fließen sollten, in andere Regionen umgelenkt.

Kaum noch Widerspruch zu Trumps Behauptungen

Wie es nach der „blauen Welle“, also den Wahlerfolgen der Demokraten im ganzen Land, konkret weitergeht, darüber schweigen Verbände und Unternehmen der Branche. Gesprochen wird allenfalls im Hintergrund. Aus der Industrie heißt es, selbst eine demokratische Regierung werde die Pharmazölle kaum zurücknehmen. Der Manager eines Dax-Konzerns spricht vom „Gorilla-Tape-Effekt“: Auch wenn man das Klebeband löst, bekommt man es kaum von den Händen.

Bemerkenswert ist, dass viele Konzerne Trumps Behauptung kaum noch widersprechen, die Amerikaner bezahlten die Pharmaforschung für die ganze Welt. Sie ziehen daraus allerdings einen anderen Schluss und könnten manche Medikamente in Ländern wie Deutschland gar nicht mehr anbieten.

Denn fehlt der günstige deutsche Preis komplett, kann die US-Regierung nicht mehr sauber argumentieren, der US-Preis sei zu hoch. Seit Juni prüft der US-Handelsbeauftragte nach der sogenannten Section 301, ob Deutschland für innovative Medikamente systematisch zu wenig bezahlt. Am Ende könnten neue Zölle stehen, ganz gleich, wie der politische Wind in den USA künftig weht.

Wer in Washington regiert, scheint in den Chefetagen beinahe zweitrangig geworden zu sein. Dort plant man wohl mit einer Welt voller Zollschranken – und im Zweifel gegen den Standort Deutschland.

Dieser Artikel wurde für WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Jan Klauth ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.

Christoph Kapalschinski berichtet als Redakteur über die Autoindustrie.

Andreas Macho ist WELT-Wirtschaftsreporter.

Daniel Zwick ist Wirtschaftsredakteur in Berlin und berichtet für WELT über Wirtschafts- und Energiepolitik, Digitalisierung und Staatsmodernisierung.

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