Wirtschaft

Porsche streicht 5000 Stellen – und führt neuen „IG-Metall-Bonus“ ein

Porsche streicht 5000 Stellen – und führt neuen „IG-Metall-Bonus“ ein

Porsche streicht bis zum Jahr 2035 rund 5000 weitere Stellen. Zudem verzichten die Mitarbeiter auf Gehalt. Im Gegenzug sichert das Unternehmen zu, bis 2035 keine Kündigungen auszusprechen und die Standorte in Baden-Württemberg zu erhalten. 2,1 Milliarden Euro sollen in deren Modernisierung investiert werden.

Das sind diejenigen Teile der künftigen Strategie „Sportwagenschmiede 35“, die Porsche-Chef Michael Leiters bei einer Betriebsversammlung am Montag der Belegschaft vorgestellt hat. Die Gesamtstrategie will er im Herbst bei einem Kapitalmarkttag vorlegen.

Das Paket ist das Ergebnis monatelanger Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Management. Damit fallen etwas weniger Stellen weg als zuletzt spekuliert. Allerdings hatte Porsche bereits im vergangenen Jahr 3700 Stellen gestrichen.

Zudem machen die Arbeitnehmer größere Zugeständnisse bei Gehaltseinschnitten. Von der aktuellen Tariferhöhung und künftigen Tariferhöhungen würden insgesamt zeitweise 3,5 Prozent bis 2035 einbehalten, teilte das Unternehmen mit. Das betrifft Führungskräfte und Menschen im Haustarif. Auch Spitzenmanager sollen 2027 und 2028 verzichten. Das Weihnachtsgeld sinkt – von 100 Prozent eines Monatsgehalts auf 60 Prozent. Ähnliches gilt für Boni.

Mobiles Arbeiten – also Homeoffice – ist künftig nur noch an acht statt zwölf Tagen im Monat erlaubt. Auch die Ruhepausen im Werk sollen angepasst werden. Damit steht offenbar die sogenannte Steinkühler-Pause von fünf Minuten pro Stunde in Baden-Württemberg zur Disposition. Dies ist offenbar erst in den vergangenen Tagen vereinbart worden. Die Verhandlungen liefen noch über eine Aufsichtsratssitzung der Porsche AG am vergangenen Mittwoch hinaus, bei der die Grundzüge auf Zustimmung gestoßen waren.

Neuer „Zukunftsbeirat“

„Das gibt uns die Möglichkeit, unser Unternehmen strategisch neu auszurichten und in unsere Wettbewerbsfähigkeit zu investieren“, erklärte Leiters. Betriebsratschef Ibrahim Aslan betonte, dass die Beschäftigungssicherung deutlich länger dauert als erwartet: „Keiner hätte es uns im Vorfeld zugetraut, dass wir ein Zukunftspaket bis Ende 2035 abschließen.“ Zu Beginn der Verhandlungen galt als feste Position des Großaktionärs, der Porsche-Familie um Wolfgang und Oliver Porsche, keine längeren Zusagen als bis 2030 zu geben, da die Weltlage unberechenbar sei.

Bei der Zustimmung zu den heftigen Einschnitten hilft den Arbeitnehmern auch eine einmalige „Transformationsprämie“ von 1500 Euro. Zudem macht es die Vereinbarung attraktiv, Mitglied in der Gewerkschaft IG Metall zu sein, die großen Einfluss auf die Verhandlungen hatte. Gewerkschafter erhalten 411 Euro Einmalprämie. Zudem wird ein „IG-Metall“-Bonus eingeführt. Dieser umfasst laut der Mitteilung einen zusätzlichen freien Tag im Jahr sowie einen Wertgutschein in Höhe von 200 Euro pro Jahr.

Die IG Metall teilte mit, die Arbeitnehmer erhielten Posten in einem neuen Gremium. Mit der Einrichtung eines Zukunftsbeirats werde die Mitbestimmung ausgeweitet. „Die Interessenvertretungen erhalten dadurch zusätzliche Möglichkeiten, die strategische Weiterentwicklung des Unternehmens und die Auswirkungen der Transformation frühzeitig zu begleiten und mitzugestalten“, erklärte die Gewerkschaft.

Entsprechend zufrieden zeigte sich Tamara Hübner, Zweite Bevollmächtigte der IG Metall in Stuttgart: „In einer Zeit, in der die Automobilindustrie unter erheblichem Druck steht, sind eine Standortsicherung bis 2035 und Investitionen in dieser Höhe alles andere als selbstverständlich. Die Vereinbarung schafft Perspektiven für die Beschäftigten und ist ein klares Bekenntnis zum Industriestandort Deutschland.“

Investiert wird laut der Zusage in den Entwicklungsstandort Weissach für alle Modelle sowie in die Fertigung der Zweitürer, also der sportlichsten Modelle, in Zuffenhausen. Das Werk in Leipzig, in dem die Modelle Macan und Panamera gebaut werden, wird in den Stellungnahmen nicht erwähnt. Die Fabrik sei in einer eigenständigen Gesellschaft organisiert, hieß es aus dem Unternehmen. Daher gelte die aktuelle Vereinbarung nur für die Standorte in Westdeutschland. Zuletzt gab es Spekulationen, Leiters wolle die Produktion des Cayenne aus dem VW-Werk in Bratislava ebenfalls nach Leipzig verlagern.

Signalwirkung für Audi

Die Vereinbarung gilt als erste Bewährungsprobe für Porsche-Chef Leiters, der im Januar von Konzernchef Oliver Blume die Leitung des Sportwagenbauers übernommen hatte. Sie hat zudem Signalwirkung für weitere Sparrunden im VW-Konzern.

Am Montag senkte die VW-Tochter Audi ihre Prognose. Für das Jahr 2026 soll der Umsatz bei 58 bis 63 Milliarden Euro liegen. Das sind fünf Milliarden Euro weniger als ⁠zuletzt prognostiziert. Auch die Rendite werde mit fünf bis sieben Prozent um einen Prozentpunkt niedriger ausfallen als bislang angenommen, hieß es. Im ersten Halbjahr lag die Kennzahl sogar nur bei 3,8 Prozent.

Bei Audi steht vor allem das Werk in Neckarsulm im Fokus. An dem ehemaligen NSU-Motorenwerke-Standort drängt das Management auf tiefe Einschnitte, damit es neue Aufträge in den 2030er-Jahren geben kann. Auch die VW-Werke in Emden, Zwickau und Hannover stehen vor weiteren Sparrunden.

In der Wolfsburger Konzernzentrale gab es aus Managementsicht zuletzt Sorgen, Porsche könne den Arbeitnehmern zu wenig abverlangen – und so zu wenig zum Sparpaket beitragen und zugleich die Verhandlungen in den restlichen Konzernzentralen erschweren. Daher dürften die nun verkündeten Einschnitte in den Tarif und bei den Arbeitszeiten dort auf Zustimmung stoßen.

Im gesamten VW-Konzern soll die Produktionskapazität von einst zwölf Millionen auf künftig neun Millionen Fahrzeuge im Jahr sinken. Dafür sollen bis zu 100.000 Stellen zusätzlich wegfallen und mittelfristig Werke schließen oder abgegeben werden.

Gründe sind unter anderem die schwache Nachfrage in China, ein schrumpfender Markt in Europa und Verwerfungen durch die Zölle in den USA. Zudem erstarkt die Konkurrenz von Tesla und aus China. So hat etwa der Elektronik-Konzern Xiaomi in China inzwischen Sportwagen auf dem Markt, die Porsche direkt Konkurrenz machen und ab 2027 auch in Deutschland verkauft werden sollen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Christoph Kapalschinski berichtet als Redakteur über die Autoindustrie.

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